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Enormer Handlungsbedarf: Im Durchschnitt sind nur etwa 10% der Ladenlokale in Deutschland barrierefrei

Ergebnisdokumentation BMAS EINKAUFEN 2030 Teil 3

Das ist das Fazit unseres dreijährigen Projektes EINKAUFEN2030 barrierefrei und inklusiv. Ein Ergebnis, dass wir erwartet haben, weil die Barrierefreiheit noch nicht als gesamtgesellschaftliches und branchenübergreifendes Querschnittsthema wahrgenommen wird. Ein solches Ergebnis ist daher nicht nur handelsspezifischer Natur. Der Tourismus, die Verkehrsinfrastruktur, Städte und Gemeinden, der Wohnungsmarkt, die Konsumgüterwirtschaft und der Gesundheitssektor zeigen ein ähnliches Bild. Darauf sind wir im allgemeinen Teil "Barrierefreiheit" bereits eingegangen.

Wir gehen in diesem Kapitel "Barrierefreiheit im Einzelhandel" zunächst auf die aktuelle Situation in dieser Branche ein und stellen dann die Auswirkungen der demografischen Entwicklung im Einzelhandel vor. Im weiteren Verlauf zeigen wir auf, welche Wachstumschancen und bisher nicht genutzten Umsatzpotentiale sich den Handelsunternehmen durch die Umsetzung der Barrierefreiheit bieten. Wir schließen diesen Bereich mit Handlungsempfehlungen und der Beantwortung der Frage:"Was muss der Handel tun, um Barrierefreiheit als Chance zu sehen und die Wachstumspotenziale erschließen zu können?"

Eines möchten wir vorwegschicken. Sicherlich wird dem einen oder anderen Leser nicht alles gefallen, was er hier vorfindet. Dieses Dokument ist aber nicht der Verfall in die Arroganz oder der Befriedigung von Befindlichkeiten geschuldet. Der Text ist vielmehr eine neutrale Darstellung mit dem 360° Blick ohne toten Winkel, um einen dringenden Bewusstseinswandel bei allen Beteiligten auszulösen. Gerne treten wir mit Ihnen in den Dialog bzw. einen kontroversen Diskurs ein.

Rollstuhlfahrer vor einem Warenregal mit idealer Höhe

Stationär vs. Online ?

Der Einzelhandel steckt in einem Dilemma und hat den vermeintlichen Feind auch schon ausgemacht. Wir haben während des Projektes mit sehr vielen, vor allem kleineren Einzelhändlern gesprochen. Und mit Abstand wurde uns als einer der Hauptgründe für Umsatzeinbußen und schlechte Geschäfte die Onlinekonkurrenz um Amazon & Co genannt. An zweiter Stelle folgen große Vollsortimenter und Malls. Aber sind es diese wirklich ? Ist der Einzelhandel wirklich machtlos oder steht schlimmstenfalls vor dem Aus ?

Der Österreicher Roman Kmenta, Autor, BusinessCoach und Keynote-Speaker bringt es folgendermaßen auf den Punkt:

"Der Unterschied zwischen traditionellem, stationärem Einzelhandel und dem Onlinehandel verschwimmt immer mehr. Eine Website hat heutzutage (fast) jede Firma, einen Online-Shop immer mehr. Und dennoch gibt es immer noch sehr viele Einzelhändler, deren Geschäftsmodell hauptsächlich offline ausgerichtet ist. Die Online-Konkurrenz hat massive kostenseitige Vorteile: keine teuren Standorte, kein Verkaufspersonal. Es kann knapper kalkuliert werden. Im nackten Preisvergleich Einzelhandel zu Onlinehandel hat der Online-Anbieter dann oft die Nase vorn. Und schlimmer noch: Beratungsdiebstahl. Oft holt sich der Kunde im Laden die Beratung, um dann online zu kaufen. Ob dieser Umstände ist es verständlich, dass viele traditionelle Einzelhändler verärgert sind und sich im Kampf gegen den scheinbar übermächtigen Onlinehandel hilflos fühlen."

Diese Aussage können und möchten wir allerdings relativieren. Hierzu haben wir eine Umfrage bei 757 Kunden in Aachen, Köln und Düsseldorf durchgeführt. Wir sind auf nahezu identische Ergebnisse gekommen, wie sie bereits eine Befragung des Deutschen Instituts für Urbanistik (difu) im Rahmen des "Wissenschaftsjahres 2015 Zukunftsstadt" zu Tage förderte. Das difu hat ebenfalls Kunden nach ihrer Vision vom künftigen Leben in der Stadt interviewt. Aufgrund der Repräsentativrelevanz zeigen wir hier die Ergebnisse der difu Befragung:

difu Studie Zukunftsstadt 2015

Zum Thema Einkaufen gaben 40% der Befragten an, vorrangig in kleinen Läden der direkten Nachbarschaft einkaufen zu wollen. Nur etwa jeder Siebte gab an, überwiegend online zu shoppen. Dies zeigt damit ein völlig abweichendes Bild zu momentanen Prognosen und vermeintlichen Trends im Handel. Während ältere Generationen die Nähe präferieren, konsumiert die jüngere Generation (unter 18 Jahren) mehrheitlich lieber in Einkaufszentren oder Geschäften der Innenstadt.

 

Befriedigend ist nicht ausreichend oder ein bisschen barrierefrei ist nicht barrierefrei

Trotz zahlreicher Bemühungen von Einzelhandel und Kommunen zur Aufwertung und Verbesserung der Einkaufsstraßen. Deutschlands Verbraucher bewerten die Einkaufstraßen insgesamt mit der Note "befriedigend".  Die Einkaufsmeilen lösen bei Kunden nach wie vor keine überschäumende Begeisterung aus. Dies ergab eine, vom Institut für Handelsforschung (IFH), durchgeführte Befragung von 58.000 Besuchern in 121 Städten. Am besten schnitten hierbei noch die Großstädte mit über 500.000 Einwohnern ab. Wir schließen uns der Meinung von IFH-Geschäftsführer Boris Hedde an, dass man mit diesem Ergebnis nicht zufrieden sein kann. Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass man sich durch die Bemühungen für die Zukunft rüsten wollte. Ziel war es, sich den Herausforderungen "Onlinehandel und demografische Entwicklung" entgegen zu stellen. Es sei noch - weil interessant - erwähnt, dass laut Befragung der größte Widersacher für die Einzelhändler nicht der Onlinehandel ist, sondern die Einkaufsstraße in der Nachbarstadt. Bei Bekleidung, Wohnartikeln oder Schreibwaren wanderten demnach die Konsumenten eher in andere Städte ab, als auf das Internet zurückzugreifen. Lediglich bei Telekommunikation und Elektronik hat das Internet mittlerweile mehr Bedeutung, als der Einkauf in Nachbarkommunen.

Der Informationsdienst "Marktjagd" kommt zu einem vergleichbar dramatischen Ergebnis. Dieser hatte insgesamt 280.000 Einzelhandelsfilialen in Hinblick auf ihre Barrierefreiheit befragt. Anhand der gewonnenen Studienergebnisse trifft marktjagd folgende Schlußfolgerung: Weil die Zahl der barrierefrei gestalteten Einzelhandelsflächen im Durchschnitt nur 10 Prozent ausmacht, werden mobilitätseingeschränkte Menschen, Rollstuhlfahrer, Familien mit Kinderwagen und Senioren schlichtweg ausgesperrt. Hierzu möchten wir ergänzend anmerken, dass die ermittelten Zahlen, wie so oft, nur auf einer niedrigschwelligen Befragung beruhen. Einige Nutzergruppen wurden nicht berücksichtigt. Dieser Umstand würde die Ergebnisse sicherlich nicht verbessern. Dies wiederum unterstreicht nochmals die Notwendigkeit, dringend zu handeln. Schauen wir uns die Zahlen einmal näher an:

BundeslandMenschen mit BehinderungSenioren 65+"Barrierefreie" Läden
Baden Württemberg 981.538 20,1 % 11,56 %
Bayern 1.128.646 20,1 % 13,08 %
Berlin 346.826 19,3 % 6,53 %
Brandenburg 252.946 23,5 % 9,18 %
Bremen 58.242 21,4 % 9,61 %
Hamburg 130.153 18,8 % 7,78 %
Hessen 608.624 20,6 % 9,85 %
Mecklenburg-Vorpommern 173.237 23,2 % 12,16 %
Niedersachsen 664.802 21,7 % 13,00 %
Nordrhein-Westfalen 1.771.959 20,9 % 9,24 %
Rheinland-Pfalz 310,299 21,2 % 10,05 %
Saarland 101.280 23,1 % 9,54 %
Sachsen 377.550 25,3 % 6,89 %
Sachsen-Anhalt 180.163 25,5 % 10,92 %
Schleswig-Holstein 262.626 22,8 % 13,14 %
Thüringen 200.074 24,5 % 9,12 %

Im Vergleich bilden Berlin, Hamburg und Sachsen das Schlusslicht bei der Verfügbarkeit barrierefreier Geschäftsflächen. Im Verhältnis "viele" barrierefreie Ladenlokale weisen Schleswig-Holstein, Bayern und Niedersachsen auf. Werfen wir hierzu einen etwas tieferen Blick in die 35 grössten deutschen Städte.

Deutschlandkarte mit Anteil barrierefreier Ladenlokale in den 35 grössten Städten

(Quelle:marktjagd.de) Bielefeld (15,8 %) Lübeck (12,2 %), Magdeburg (12 %), Karlsruhe (11 %) und Rostock (10,1 %) sind hier die vermeintlichen Spitzenreiter. Am Ende der Liste finden wir Leipzig und Dresden (unter 5 %) sowie Saarbrücken, Würzburg und Stuttgart (zwischen 5 und 6 %). Im ermittelten Durchschnitt schneiden die 35 Großstädte mit 8,2 % also noch schlechter ab, als der Landesdurchschnitt, der bei 10,1 % liegt.

Wie reagiert der Einzelhandel bisher auf diese Ergebnisse ?

Ein erster vorsichtiger Ansatz ist das, vom Handelsverband Deutschland (HDE) 2010 eingeführte Siegel "Generationenfreundliches Einkaufen". Es wurde 2009 u.a. unter Beteiligung von Senioren- und Verbraucherorganisationen, Handelsunternehmen sowie Handelsverbänden und Kammerorganisationen entwickelt. Die Kriterien wurden letzmalig 2017 aktualisiert. Den formulierten Ansatz, ein "Zeichen für Barrierearmut" zu sein und nicht etwa von "zertifizierter Barrierefreiheit" zu reden, wie andere Initativen und Kennzeichnungssysteme dies tun, rechnen wir dem Handelsverband sehr hoch an. Ein Blick in die Prüfpunkte und das Bewertungssystem mit A (=muss), B (=sollte) und C Kriterien zeigt, welche Verbrauchergruppen berücksichtigt und welche inhaltliche Zielsetzung das Prüfsystem verfolgt.  Die A-Kriterien beziehen sich beispielsweise fast ausnahmlos auf Mobilitätseingeschränkte Personen. Mit rund 10.000 geprüften Betrieben zeigt sich erfreulicherweise, dass der Einzelhandel die  Bedürfnisse seiner Kunden nicht aus den Augen verloren hat. Ob allerdings die Ausrichtung auf Barrierearmut zielführend ist,  ob man hiermit den Siegelinhabern nicht vielmehr das Gefühl von "Wir haben bereits alles getan" vermittelt, bleibt fragwürdig. Aufgrund unseres bisher hier geschilderten Ist-Zustandes lässt er zumindest Diskussionsbedarf erkennen. Wir werden diese Thematik in unseren Handlungsempfehlungen nochmals aufgreifen. Bevor wir uns aber den Verbrauchern zuwenden, werfen wir nochmals ein Blick nach Bad Vöslau, um zu erfahren, was der BusinessCoach Roman Kmenta zur Bewältigung der Probleme des stationären Einzelhandels empfiehlt. Sein Motto lautet: "Differenzierung! Der Unterschied macht den Unterschied!"

Den Einkauf zum Erlebnis für alle Sinne machen

Der stationäre Einzelhandel verfügt über die Möglichkeit, den Einkauf zu einem wirklichen Erlebnis werden zu lassen. Wer es im traditionellen Einzelhandel schafft alle fünf Sinne in angenehmer, interessanter oder spannender Weise anzusprechen, hat die Nase vorn. Dabei sind im traditionellen Einzelhandel nicht nur Faktoren wie Shopdesign und die akustische Kulisse wichtig, sondern auch wie es riecht. Was die Haptik angeht, so spielt es im Verkauf eine enorme Rolle Produkte physisch zu "begreifen". Auch das unmittelbare Testen, Aus- bzw. Anprobieren von Produkten kann im Online-Handel noch durch nichts ersetzt werden (wenngleich der Versand inklusive Rücksendung enorm zunimmt).

Kundenberatung – Kompetenz und Sympathie sind entscheidend

Die Beziehung Mensch zu Mensch, kann durch keine noch so ausgeklügelte Software wirklich ersetzt werden. Daher muss die Kundenberatung im stationären Einzelhandel so gut sein, dass ein Kunde begeistert mehreren Bekannten von der exzellenten Beratung, dem wahnsinnig kompetenten Experten bzw. dem unglaublich sympathischen Verkäufer erzählt. Und Kunden kaufen am liebsten von kompetenten und sympathischen Verkäufern. Wenn man hier punktet, werden Preisvergleich und Beratungsdiebstahl erschwert. Zum einen, weil die Kompetenz Sicherheit gibt und die Sympathie Beratungsdiebstahl aufgrund des schlechten Gewissens erschwert.

Dies sind natürlich nicht alle Tipps des Österreichers, auf den wir bei unserer Recherche zufällig gestoßen sind und zu dem wir keinerlei persönlichen Kontakt haben. Es hätte also auch Herr Müller oder Meier sein können aus Hamburg, Güstrow oder Flörsheim. Die Tipps passen aber sehr gut zu unserer Thematik. Uns läßt, als Akteur im Bereich Barrierefreifreiheit, die Ansprache aller Sinne (Stichwort: Zwei-Sinne-Prinzip) natürlich aufhorchen. Auch hierauf gehen wir noch näher ein. Wenden wir uns aber zunächst den wichtigsten Akteuren zu, den Kunden.

 

 

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